23. Mai 2013

Interview zur neuen Psychiatrie-Bibel: Alltägliche Reaktionen werden als psychische Störung umdefiniert

Menschen, die Probleme im Alltag haben, werden umdefiniert in Leute, die eine psychische Störung haben.

Das hat der emeritierte Psychiatrie-Professor Allen J. Frances hier bei DRadio Wissen kritisiert. Er bezieht sich damit auf die neue Ausgabe des Diagnosekatalogs, die der US-Psychiaterverband herausgegeben hat. Das Werk mit dem Titel DSM V enthält Definitionen psychischer Erkrankungen, auf die sich Ärzte bei Diagnosen stützen. In der inzwischen fünften Ausgabe sind auch neue Krankheitsbilder wie das Messiesyndrom erfasst.

Besonders kritisiert Frances, dass Trauer nach einem Todesfall schon nach zwei Wochen als Depression gelten kann. Damit werde ignoriert, dass Verhaltensweisen, die einer Depression ähnelten, eigentlich erwartbare Reaktionen im Leben seien. Frances sieht die Gefahr einer diagnostischen Inflation - die Schuld daran sieht er bei den Experten selbst. Jeder wolle gerne sein eigenes Fachgebiet ausweiten - auch damit mehr dazu geforscht wird. Das müsse man kontrollieren.

Quelle: DRadio Wissen Lizenz: Creative Commons Licence: Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, keine Bearbeitung (BY-NC-CD)